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Aktuell schwieriges Geschäft mit langfristiger Perspektive

01.12.2014

Michael Harms, 
Vorsitzender der Deutsch-Russischen 
Auslandshandelskammer (AHK)
   
    

Man kann über Business in Russland vieles sagen, nicht jedoch, dass es nicht immer spannend wäre. Das gilt in beson- derem Maße für die Gegenwart. Die Ereignisse der letzen Wochen und Monate in und um die Ukraine haben nicht nur auf diplomatischem Parkett Spuren hinterlassen, sie zeigen auch deutliche Auswirkungen auf die Wirtschaft. Nach einem durchwachsenen Jahr 2013 setzt sich der Abwärts- trend in Russland leider auch 2014 fort. Für das Gesamtjahr wird allgemein von keinem oder einem sehr geringen Wachs- tum des russischen BIP ausgegangen. Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig, die Ukraine-Krise wirkt in dieser Gemengelage eher verstärkend als ursächlich.

 

Mitte des vergangenen Jahres kam die russische Währung mit dem Ende der „Politik des billigen Geldes“ der FED unter Druck und begann abzuwerten. Bis zum Jahresende um fast 20 Prozent. Dieser Trend setzte sich auch 2014 fort und erreichte Mitte März mit einem Kurs von 51 Rubel für einen Euro seinen vorläufigen Höhepunkt. Gegenwärtig pendelt sich der Kurs bei etwa 47 Rubel pro Euro ein. Damit konnte sich Russland entgegen eigenen Aussagen der welt- weiten Entwicklung in den Emerging Markets nicht entzie- hen, obwohl anders als z. B. in Argentinien, Brasilien oder der Türkei die Devisenreserven hoch und die Staatsverschuldung sehr gering sind. Das führte zu zwei gegensätzlichen Trends: Die Ausgaben in Rubel für Staatsbeamte, Militär oder Sozial- leistungen sanken. Dem entgegen steigen die Erlöse für den Export von Erdöl, Erdgas und anderen Rohstoffen in Euro oder US-Dollar. Bis zum Zeitpunkt der ersten Sanktionen war dies eine durchaus willkommene Entwicklung, bot sie doch mehr Spielraum für dringend notwendige Investitionen – zum Beispiel in Infrastruktur. Mit der Zuspitzung der Situation in der Ukraine und der Annexion der Krim kam eine weitere Variable ins Spiel: die Unsicherheit. Vornehmlich institutionelle Investoren zogen massiv Geld ab. Damit setzte eine Kapitalflucht aus Russ- land ein, der sich über den Wechsel ihrer Guthaben in Euro oder US-Dollar auch die Verbraucher anschlossen. Der Rubel verlor weiter an Wert und konnte nur durch die Intervention der Zentralbank stabilisiert werden. Der Preis dafür war einer- seits die Erhöhung des Leitzinses um zwei Prozentpunkte auf 7,5 und andererseits der Zugriff auf die Währungsreserven, deren Bestand im Verlaufe eines Jahres um mehr als 66 Mil- liarden US-Dollar sank. Als Folge der Erhöhung der Zinsen verteuerten sich Kredite vor allem für Verbraucher und mit- telständische Unternehmen mit direkten Folgen für deren internationale Geschäftstätigkeit. Einerseits mussten Kon- trakte neu oder nachverhandelt werden, andererseits wurden bereits bestehende Aufträge storniert oder zeitlich gestreckt. Kleinere russische Banken spüren die Geldverknappung deutlich und haben zunehmend Schwierigkeiten, sich über den heimischen Markt zu refinanzieren. Wie stark die deut- schen Unternehmen von den aktuellen Entwicklungen betroffen sind, lässt der Rückgang der Exporte nach Russland im ersten Quartal erahnen. Nichtsdestotrotz sehen die in Russland aktiven deutschen Unternehmen die Aussichten für das eigene Unternehmen bis Jahresende optimistisch. In Zahlen ausgedrückt erwar- ten knapp zwei Drittel gleichbleibend gute oder steigende Umsätze in Russland. Diese optimistische Prognose hat ihre Ursache unter anderem im Konsumverhalten der russischen Bevölkerung, die wie in anderen Krisen auch, eher in hoch- wertige Konsum- oder Luxusartikel investiert als zu sparen. Diese Neigung kommt besonders deutschen Herstellern der Branchen Automobilwirtschaft, Einzelhandel, Unterhal- tungselektronik, Weiße Ware, Baumaterialien etc. zugute. Für einen stabilen und tragfähigen Markt spricht auch das ungebrochene Bemühen der russischen Regionen um Inves- toren. Teilweise sind die Regionen hervorragend aufgestellt und stellen attraktive Bedingungen zur Verfügung.

Nach einer konjunkturellen Belebung der Wirtschaft, die für 2015 erwartet wird, könnte die deutsche Wirtschaft auch von der Neuausrichtung der Industrie- und Geldpolitik profitie- ren. Dabei steht die Ausrüstung russischer Firmen mit welt- marktfähigen Produkten und Technologien im Vordergrund – Bereiche, in denen Deutschland zu den bevorzugten Part- nern zählt. Perspektive bietet der russische Markt also allemal.

    


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