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OECD : Bildung auf einen Blick 2012

01.09.2012

 Bilanz der weltweiten Rezession – und Blick nach vorn

 
Die weltweite Bildungs- und Wirtschaftslandschaft ist nun schon seit einiger Zeit in einem raschen Wandel begriffen, der zu einem erheblichen Teil von zwei entscheidenden Veränderungsprozessen angetrieben wird. Dabei handelt es sich zum einen um den fortgesetzten Aufschwung der Wissenswirtschaft, der den Menschen starke neue Anreize gibt, ihre Kompetenzen durch Bildung zu erweitern – und für die Länder Anreize schafft, sie dabei zu unterstützen. Das zweite Phänomen – das eng mit dem ersten zusammenhängt – ist die explosionsartige Expansion der Hochschulbildung weltweit, mit der sich Millionen von Menschen neue Möglichkeiten eröffnen und die das weltweite Angebot an hochqualifizierten Kräften enorm erhöht.
 
Bildung auf einen Blick 2012 untersucht die veränderte Bildungs- und Wirtschaftslandschaft im Licht einer weiteren wichtigen Veränderung: der weltweiten Rezession der Jahre 2009 und 2010. Unsere Analyse zeigt, dass keine Gruppe und kein Land – ganz gleich, wie hoch dort das Bildungsniveau ist – vollkommen immun gegenüber den Auswirkungen eines weltweiten Konjunkturabschwungs ist. Zugleich macht sie aber auch deutlich, wie erstaunlich krisenfest die wirtschaftlichen und arbeitsmarktbezogenen Nutzeffekte eines höheren Bildungsniveaus sind, selbst vor dem Hintergrund einer sehr schwierigen Haushaltslage.
  
Der wirtschaftliche Nutzen der Bildung
 
Grundsätzlich ist festzustellen, dass ein höheres Bildungsniveau den Arbeitskräften während der Rezession dabei half, Arbeitslosigkeit zu vermeiden und in Arbeit zu bleiben. Beispielsweise ist die Gesamterwerbslosenquote zwischen 2008, als der Abschwung begann, und 2010 bei Personen ohne Abschluss des Sekundarbereichs II im OECD-Durchschnitt von bereits hohen 8,8% auf 12,5% gestiegen, während bei Personen mit Abschluss des Sekundarbereichs II ein Anstieg von 4,9% auf 7,6% zu beobachten war. Die Erwerbslosenquote von Hochschulabsolventen blieb hingegen wesentlich niedriger und erhöhte sich im gleichen Zeitraum nur von 3,3% auf 4,7%. In allen OECD-Ländern zusammengenommen war die Arbeitslosigkeit unter Männern mit Hochschulabschluss 2010 ungefähr um ein Drittel geringer als unter Männern mit Abschluss des Sekundarbereichs II; bei Frauen belief sich die entsprechende Differenz auf zwei Fünftel (Indikator A7).
 
Zudem blieb das Verdienstgefälle zwischen Arbeitskräften mit Hochschulabschluss und solchen mit geringerem Bildungsniveau während der weltweiten Rezession nicht nur sehr hoch, sondern weitete sich sogar aus. 2008 konnte ein Mann mit Hochschulabschluss damit rechnen, 58% mehr zu verdienen als ein Mann, der nur Sekundarbereich II abgeschlossen hatte (OECD-Durchschnitt). 2010 hatte sich dieser Verdienstvorsprung auf 67% erhöht. Ähnliches war auch bei den Frauen zu beobachten: 2008 betrug der durchschnittliche Verdienstvorsprung von weiblichen Arbeitskräften mit Hochschulabschluss gegenüber solchen mit Abschluss des Sekundarbereichs II 54%. 2010 war dieser Vorsprung auf 59% angestiegen (Indikator A8).
 
Aus diesen Zahlen lässt sich schließen, dass der Abschwung zwar ganz klar einen weitreichenden Effekt hatte – vor allem für Arbeitskräfte mit geringerem Bildungsniveau –, dass die Auswirkungen der allgemeinen Veränderungen in der Bildungs- und Wirtschaftslandschaft jedoch noch größer sind. Im vergangenen Jahrzehnt ist der Anteil der Erwachsenen mit Hochschulabschuss im OECD-Durchschnitt von 22% im Jahr 2000 auf 31% im Jahr 2010 gestiegen (Indikator A1). Trotz dieses wachsenden Angebots an gut ausgebildeten Arbeitskräften – und trotz der ab 2008 zu beobachtenden Verschlechterung der Arbeitsmarktbedingungen – konnten die meisten Hochschulabsolventen weiterhin wirtschaftlichen Nutzen aus ihrem höheren Bildungsniveau ziehen. Dies zeigt, dass sich das Wachstum der Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften, die den Anforderungen der Wissenswirtschaft der OECD-Länder gerecht werden, fortgesetzt hat, und dies auch während der weltweiten Rezession.
 
Solange der Bedarf der Gesellschaft an anspruchsvollen Kompetenzen weiter steigt, solange ist auch damit zu rechnen, dass ein höheres Bildungsniveau deutliche Vorteile bringt, nicht nur auf kurze Sicht, sondern auch langfristig. Laut den Schätzungen in Bildung auf einen Blick 2012 beläuft sich der langfristige private wirtschaftliche Nutzen, der dem Einzelnen dadurch entsteht, dass er im Rahmen der Erstausbildung einen Hochschulabschluss anstatt nur eines Abschlusses des Sekundarbereichs II erwirbt, abzüglich der damit verbundenen Kosten, im Durchschnitt von 28 OECD-Ländern auf knapp über 160 000 US-$ für Männer und fast 110 000 US-$ für Frauen (Indikator A9).
 
Auch für den Steuerzahler rentieren sich die öffentlichen Ausgaben für die Hochschulbildung. Im Durchschnitt entsteht den OECD-Ländern für jede männliche Arbeitskraft, deren Hochschulausbildung sie fördern, ein Nettovorteil
in Höhe von nahezu 100 000 US-$ in Form von höheren Steuereinnahmen und Einsparungen – dies ist fast dreimal so viel wie die entsprechenden öffentlichen Investitionsaufwendungen. Für weibliche Arbeitskräfte beläuft sich der öffentliche Nettoertrag aus der Hochschulbildung auf ungefähr das Doppelte der öffentlichen Investitionen (Indikator A9). Und natürlich gehen die öffentlichen ebenso wie die privaten Nutzeffekte der Bildung weit über den rein wirtschaftlichen Ertrag hinaus. Bildung auf einen Blick 2012 zeigt, dass ein höheres Bildungsniveau mit einer längeren Lebenserwartung, einer höheren Wahlbeteiligung und einem stärkeren Engagement für die Gleichstellung ethnischer Minderheiten einhergeht (Indikator A11).
 
Die Tatsache, dass Investitionen in die Bildung mit hohen Nutzeffekten für den Einzelnen und die Gesellschaft verbunden sind, trägt zur Erklärung einer der herausragendsten Erkenntnisse von Bildung auf einen Blick 2012 bei: Die öffentlichen und privaten Investitionen in die Bildung sind während des Rezessionsjahrs 2009 in vielen Ländern nicht unwesentlich gestiegen. Zwischen 2008 und 2009 haben sich die Ausgaben der staatlichen Stellen, der Unternehmen sowie der Studierenden und ihrer Familien für alle Bildungsbereiche zusammen in 24 von 31 OECD- Ländern erhöht, für die entsprechende Daten vorliegen. Und dies obwohl das Volksvermögen gemessen am BIP in 26 dieser Länder gesunken ist (Indikator B2).
 
 Desgleichen sind auch die Ausgaben je Schüler/Studierenden der Einrichtungen der Primar-, Sekundar- und Postsekundarbildung im OECD-Durchschnitt zwischen 2005 und 2009 um 15 Prozentpunkte gestiegen. Die Ausgaben je Studierenden der tertiären Bildungseinrichtungen erhöhten sich im gleichen Zeitraum um 9 Prozentpunkte (Indikator B1).
Die Lehrervergütungen machen üblicherweise den größten Teil der Bildungsausgaben und damit auch der Ausgaben je Schüler/Studierenden aus. In den Ländern, für die entsprechende Daten vorliegen, sind die Lehrergehaltskosten je Schüler zwischen 2000 und 2010 im Primarbereich um durchschnittlich ein Drittel und im Sekundarbereich I um durchschnittlich ein Viertel gestiegen. Die zwischen 2000 und 2010 verzeichnete Zunahme der Lehrergehaltskosten je Schüler war hauptsächlich Veränderungen bei zwei Faktoren zuzuschreiben, bei den Gehältern der Lehrkräfte und bei der geschätzten Klassengröße. Zwischen 2000 und 2010 sind die Lehrergehälter im Durchschnitt der Länder, in denen Daten für beide Jahre verfügbar sind, im Primarbereich um rd. 16% und im Sekundarbereich I um 14% gestiegen, während die geschätzten Klassengrößen im Primarbereich um 14% und im Sekundarbereich I um 7% gesunken sind (Indikator B7).
 
In Bildung auf einen Blick 2012 wird des Weiteren festgestellt, dass die Lehrerschaft altert. Zwischen 1998 und 2010 ist der Anteil der Lehrkräfte im Sekundarbereich im Alter von 50 Jahren aufwärts von 28,8% auf 34,2% angewachsen (Durchschnitt der Länder mit vergleichbaren Daten) (Indikator D5). In Ländern, in denen in nächster Zeit zahlreiche Lehrkräfte in Rente gehen werden, während die Bevölkerung im schulpflichtigen Alter unverändert bleibt oder zunimmt, müssen die zuständigen staatlichen Stellen die Attraktivität des Lehrerberufs erhöhen, die Programme zur Ausbildung von Lehrkräften ausweiten und nötigenfalls auch alternative Möglichkeiten für den Erwerb der Lehrbefähigung für Angehörige anderer Berufe schaffen, die in die Lehrerlaufbahn überwechseln möchten.
 
Veränderungen in der Struktur der Bildungsbeteiligung
 
In Zeiten knapper öffentlicher Kassen ist es besonders wichtig, dass die Länder bei der Allokation begrenzter Mittel intelligent vorgehen. Bildung auf einen Blick 2012 lenkt die Aufmerksamkeit auf mehrere Bereiche, in denen die Länder beachtliche Fortschritte erzielt haben, und weist zugleich auf andere Bereiche hin, in denen in Zukunft wohl weitere Anstrengungen nötig sein werden. Beispielsweise arbeiten die Länder – wie unser erstmals verwendeter Indikator zur frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung (Indikator C2) deutlich macht – mit großem Engagement am Ausbau der Bildung für die Jüngsten, ein Thema, das in der bildungspolitischen Agenda der Länder in den letzten Jahren stärker in den Vordergrund gerückt ist. Im Durchschnitt der OECD-Länder, für die Daten aus beiden Jahren vorliegen, ist die Beteiligung an frühkindlicher Bildung zwischen 2005 und 2010 unter den 3-Jährigen von 64% auf 69% und unter den 4-Jährigen von 77% auf 81% gestiegen. Mehr als drei Viertel der 4-Jährigen nehmen im OECD-Durchschnitt inzwischen an frühkindlicher Bildung teil, und in der Mehrzahl der OECD-Länder beginnen die meisten Kinder ihre Bildungslaufbahn heute deutlich vor Vollendung des fünften Lebensjahrs. Da die Teilnahme an frühkindlicher Bildung mit besseren Leistungen in der weiteren Schulzeit assoziiert ist, sind dies vielversprechende Entwicklungen mit Blick auf die Zukunft, wo es immer wichtiger werden wird, das Kompetenzniveau junger Menschen zu erhöhen.
 
In den OECD-Ländern sind auch kontinuierliche Fortschritte bei der Ausweitung der Teilnahme der Frauen an Hochschulbildung zu verzeichnen. Der Anteil der Frauen, die im Verlauf ihres Lebens voraussichtlich eine Universität besuchen werden, ist im Durchschnitt der OECD-Länder beispielsweise von 60% im Jahr 2005 auf 69% im Jahr 2010 gestiegen, während sich der entsprechende Anteil bei den Männern von 48% auf 55% erhöhte (Indikator C3). Außerdem machen die Frauen heute im OECD-Durchschnitt 59% aller Absolventen grundständiger Studiengänge aus (Indikator A3). Auch wenn noch mehr getan werden muss, um die Bildungsteilnahme der Frauen in Bereichen wie Ingenieurwesen, Maschinenbau und Informatik – wie auch ihren Anteil unter den Absolventen weiterführender Bildungsgänge – zu erhöhen, sind die bislang erzielten Fortschritte doch ermutigend (Indikator A4).
 
Des Weiteren ist festzustellen, dass sich die Zahl der ausländischen Studierenden in den OECD-Ländern seit dem Jahr 2000 verdoppelt hat. In absoluter Rechnung stammt die größte Zahl der ausländischen Studierenden aus China, Indien und Korea. Etwa 77% der im Ausland Studierenden besuchen eine Hochschule in einem OECD-Land. In Australien, Österreich, Luxemburg, Neuseeland, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich stammen mindestens 10% der Studierenden im tertiären Bereich aus dem Ausland. Und unter den Teilnehmern fortgeschrittener Forschungsprogramme beläuft sich der Anteil der ausländischen Studierenden in Australien, Österreich, Kanada, Dänemark, Irland, Luxemburg, Neuseeland, Schweden, der Schweiz, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten auf über 20% (Indikator C4).
 
Die Verbesserung der Chancengerechtigkeit in der Bildung und der Bildungsmöglichkeiten für alle Schüler und Studierende – unabhängig von ihrem Hintergrund – stellt für die OECD-Länder indessen immer noch eine Herausforderung dar. Bildung auf einen Blick 2012 kommt beispielsweise zu dem Schluss, dass die Leseleistung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund besonders stark beeinträchtigt werden kann, wenn sie Schulen mit einer großen Zahl an Schülern besuchen, die aus Familien mit geringem Bildungsniveau stammen (Indikator A5).
 
Desgleichen täten die politisch Verantwortlichen gut daran, sich mit dem Anstieg der Zahl der 15- bis 29-Jährigen auseinanderzusetzen, die weder beschäftigt sind noch an Aus- oder Weiterbildung teilnehmen: Die sogenannte „NEET“-Quote (Not in Employment, Education or Training) ist 2010, nachdem sie mehrere Jahre in Folge geschrumpft war, im OECD-Durchschnitt auf 16% geklettert (Indikator C5). Der Umfang dieser Population kann zwar durch mehrere Faktoren beeinflusst werden, es ist jedoch anzunehmen, dass sich dieser Anstieg in vielen OECD- Ländern aus den besonderen Schwierigkeiten erklärt, vor denen junge Arbeitskräfte infolge der globalen Rezession stehen. Die Daten aus dem OECD Employment Outlook 2012 zeigen, dass die Jugendarbeitslosigkeit in mehreren OECD-Ländern inzwischen ein alarmierendes Niveau erreicht hat, weshalb es dringend notwendig ist, dass die Länder Maßnahmen untersuchen, mit denen diese wichtige Altersgruppe erreicht werden kann, z.B. berufsbildende Programme oder Möglichkeiten der nichtformalen Aus- und Weiterbildung.
In einer Zeit, in der ein höherer Bildungsabschluss zunehmend Voraussetzung für einen reibungslosen Übergang in den Arbeitsmarkt ist, müssen viele Länder zudem mehr tun, um den Zugang zur Hochschulbildung für junge Menschen mit ungünstigem Hintergrund zu verbessern. In Bildung auf einen Blick 2012 wird festgestellt, dass die Chancen junger Menschen, ein Hochschulstudium zu absolvieren, je nach dem Bildungshintergrund ihrer Eltern sehr unterschiedlich sind. Im Durchschnitt der OECD-Länder ist die Wahrscheinlichkeit der Teilnahme an Hochschulbildung für junge Menschen aus Familien mit geringem Bildungsniveau im Vergleich zum Anteil solcher Familien an der Gesamtbevölkerung weniger als halb so groß. Demgegenüber ist die Wahrscheinlichkeit der Teilnahme an Hochschulbildung für junge Menschen, die wenigstens ein Elternteil mit Hochschulabschluss haben, im Vergleich zum Anteil solcher Familien an der Gesamtbevölkerung fast doppelt so hoch (Indikator A6).
 
Da sich die Veränderungen in der Weltwirtschaft sowohl auf die Länder als auch auf die einzelnen Menschen auswirken, sollten die Länder darüber hinaus bemüht sein, die richtige Balance zu finden zwischen ausreichender öffentlicher Unterstützung für die Bildung und einer Beteiligung der Schüler, Studierenden und ihrer Familien an den Bildungskosten. Wie die weiter oben erwähnten Ausgabendaten deutlich machen, kommen die Schüler, die Studierenden und ihre Familien in vielen OECD-Ländern für einen wachsenden Anteil der Bildungskosten auf (Indikator B3). Auch wenn dies insgesamt insofern sinnvoll ist, als viele der Erträge aus der Bildung dem Einzelnen direkt zugute kommen, kann es doch zu Szenarien führen, in denen Bildungswillige bei der Fortsetzung ihrer Bildungslaufbahn vor erheblichen finanziellen Hindernissen stehen, wie dies in einigen OECD-Ländern derzeit für Personen zu beobachten ist, die ein Hochschulstudium absolvieren möchten (Indikator B5). Und dies kann wiederum für die Länder zu einem Hindernis auf dem Weg zur Verwirklichung ihrer eigenen Ziele für die Anhebung der Bildungsniveaus der Bevölkerung werden.
  
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© OECD (2012), Education at a Glance 2012, OECD Publishing.
doi: 10.1787/eag-2012-en

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